Re: Kommentar zu "Tais-toi" von Jan Theuninck @ Jan, Mayflyer, @ all


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Geschrieben von Shadowdance am 05. Oktober 2003 um 13:42

Als Antwort auf:
Re: "Tais-toi" von Jan Theuninck : nun auch auf Deutsch ! geschrieben von Shadowdance am 30. September 2003 um 23:19:


Hallo Jan, liebe LeserInnen,

Du setzt in Deinem Gedicht einen Vergleich: Völkermord - der Mensch heute. Ungeheuerlichkeit oder Tatsache? Realität oder Wahnsinn oder Beides? Darf man den Völkermord in einen direkten Vergleich setzen zum Leben des Menschen heute? In der heutigen Zeit wird - ausser im Falle des Krieges oder durch Verbrechen - niemand ermordet. Es gibt keine Gaskammern, ausser für Nerze, deren Fell durch diese Tötungsart angeblich schön und geschmeidig bleibt. Aber das sind ja nur Tiere, wir sind ja keine Tiere, auch wenn der Mensch möglicherweise zur Gattung Säugetiere gehören könnte. Der Mensch, der über dem Tier steht, die höchste Lebensform, sagt man.

Wo - ausser im Falle des Krieges - werden Menschen zusammengetrieben und aus ihrer Heimat verjagt? Wo verlieren die Menschen heute ihr Hab und Gut, ihre Familien, ihre Freunde, ihre Meinung, ihr Leben?

Dürfen wir (Menschen heute) den Völkermord im Dritten Reich, belegt durch die Worte [Zitat Jan Theuninck] der einzige Ausweg ist "Ihr" Weg [Zitatende] in einen direkten Vergleich setzen? So ja, ist es dann auch gerechtfertigt, den Vergleich zwischen Völkermord und der rassistisch-beleidigenden Bezeichnung einer Schokolade (Körpersprache - zweite Sichtweise) in direkten Vergleich zu setzen? Wo ist der Unterschied? Gibt es einen Unterschied? Worin besteht dieser Unterschied, so es ihn gibt?

Im Falle der "Negerschokolade" wurde ein Produkt, eine Essensware mit einer rassistisch-beleidigenden Bezeichnung versehen, die Schwarze mit Sicherheit beleidigen kann. Es gibt noch mehr dieser Worte, die sehr achtlos zum Sprachgebrauch gehören, an denen sich jene, die nicht betroffen sind, sicher nicht stören: Zigeunerschnitzel, Mohrenköpfe ect. Im Sinne von Wehret den Anfängen sollte man die Bezeichungen vielleicht aus dem Sprachgebrauch verbannen. Aber kann man Sprachgebrauch mit Völkermord gleichsetzen? Kann man vom Sprachgebrauch auf Völkermord schliessen? Vielleicht ja. Die Sprache ist Mittel der Verständigung. Die Sprache ist Ausdrucksform der Achtung, die man einem anderen Menschen erbringt oder auch nicht. Somit wäre es dann eine Heldentat, die rassistisch-beleidigende Bezeichnung einer Schokolade aus dem Verkauf zu ziehen. Ein Mensch hätte das Feingefühl zu bemerken, dass die Verwendung von Worten ursächlich das Verhalten von Menschen beeinflusst. Darf man diesem Vergleich stattgeben? Ist der Vergleich Ohrfeige für die Opfer des Völkermords, - Achtlosigkeit oder Achtsamkeit?

Womit beginnt Völkermord? Wo liegen die Anfänge? Sind die Anfänge erst dort, wo Menschen zusammengetrieben und ermordet werden? Was ist das für eine Haltung? Warum tun Menschen so etwas anderen Menschen an? Was steht dahinter? Volksverhetzung? Wodurch entsteht Volksverhetzung? Durch Erziehung, Propaganda in Wort, Schrift und Bild? Menschen, die unschuldig sind, werden aufgrund ihres Aussehens, ihrer Volkszugehörigkeit, ihrer Lebensweise abgelehnt, nicht verstanden, als etwas Fremdartiges betrachtet. Man ist zu bequem, zu uninteressiert, sie kennen zu lernen, sich mit ihnen zu befassen, sie als einzelne Menschen zu betrachten, ihnen ihren Wert als Mensch zu lassen. Man lehnt ganze Gruppen von Menschen einfach ab und gibt ihnen auch noch eine Sündenbockfunktion. Wie kann so etwas geschehen? Gab es das nur damals oder ist dieses Verhalten ganz normal?

Wir begegnen diesem Verhalten heute wieder im Ausländerhass, in den Vorurteilen, die Menschen aller Länder gegenüber Menschen aller Länder haben. Es gibt in allen Nationen sogenannte Ewig-Gestrige, die anderen das Leben zur Hölle machen. Sie haben alle einen Grund dafür, denken sie ... denn die Deutschen sind ja alle böse, sie sind ja alle Faschisten. Die Russen, die Juden, die Zigeuner .., das kann man beliebig fortsetzen. Wer bleibt übrig, wenn wir einander gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben, aus Unwissen, Desinteresse, Achtlosigkeit und Oberflächlichkeit?

Vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung für dieses Phänomen, dem man überall, in allen Nationen, begegnet. Es ist nicht modern, einfache und logische Erklärungen zu suchen, man geht lieber schwierige Wege aussenrum, macht alle Arten von Umwegen, findet unlogische Begründungen und erschwert künstlich, was naheliegend und einfach sein könnte. Der Mensch heute hat sein Feingefühl eingebüsst, er weiss nicht mehr woran er ist, was er will und was er fühlt, wenn er überhaupt noch etwas fühlt. Es gibt nicht nur eine babylonische Sprachverwirrung, so dass niemand mehr den anderen versteht, es gibt auch die absolute Verwirrung von Thesen und Meinungen. Der Mensch heute ist total verunsichert. Verunsicherung ist ein guter Dünger für Feindseligkeiten.

Warum weiss der Mensch nicht mehr, wer er ist, was er fühlt? Dieser Verlust einer wichtigen Grundlage menschlichen Seins ist möglicherweise eine Folge jahrhunderte alter Erziehung. Dem Menschen wurde das Fühlen aberzogen. Die Psyche oder auch Seele genannt, wurde von der Kirche aus dem Leben der Menschen verbannt, nur Tote hatten eine Seele. Diese alten überlieferten Erziehungsformen wirken in den Menschen heute nach. Der moderne Mensch fühlt nicht. Wenn man fühlt ist man unbequem, denn ein fühlender Mensch lässt sich nicht einfach so von aussen bestimmen. Es ist also nicht im Interesse eines Staates, dass Menschen fühlen. Wer sich selbst fühlt, wer in sich selbst erkennen kann, was er fühlt, ob Trauer oder Freude oder andere psychische Gefühle, erkennt sie auch in seinen Mitmenschen. Selbsterkenntnis ist der Weg zum Du, zum anderen Menschen, unabhängig von dessen Religion, Aussehen oder Lebensweise.

Von kleinauf an erfährt der Mensch, dass er nicht sein darf wie er ist. Er darf es weder sein noch zeigen. Ein Junge weint nicht, ein Mädchen hat keinen Dickkopf usw. Aus Kindern werden Erwachsene, Männer, die nicht weinen, Frauen, die nicht eigenwillig sein dürfen. Aus Kindern werden liebe, pflegeleichte Erwachsene, die nichts merken. Das Merken wurde ihnen in der Kindheit verboten. Man hat ihnen frühzeitig beigebracht, dass sie eine freundliche Haltung und Disziplin zum Ausdruck bringen sollen. Man hat ihnen gelernt, dass sie ihre Pflicht zu tun haben. Sie sollen gehorchen und nicht widersprechen. Die Pflicht ist heilig.

Nach den Erfahrungen im Dritten Reich gab es ein kurzes Erwachen, eine Erkenntnis der Zusammenhänge. Diese Erkenntnis scheint längst wieder untergegangen zu sein. Heute ist man höflich, freundlich, pflegeleicht. Man tut seine Pflicht. Man ist desinteressiert, gestresst, überbelastet. Man schaut weg und schweigt. Man arbeitet sich zu tode, weil es sich so gehört, denn alle tun es. Wer den Widerspruch wagt und ihn lebt, hat im Prinzip nur einen Ausweg. Er darf ihn selbst wählen. Er hat zwar keine direkte Überlebenschance, aber er wird auch nicht direkt ermordet. Die Gesellschaft belächelt solche Leute, schiebt sie ab, der Staat kürzt ihre sozialen Leistungen und damit ihre Überlebenschance, aber sie werden nicht umgebracht. Noch nicht? Das Beispiel von Malaisia zeigt, dass wir heute garnicht so weit vom Mittelalter oder vom Dritten Reich entfernt sind. Man muss nicht so weit gehen, in Deutschland wurde die Folter als Mittel der Wahrheitsfindung diskutiert.

Mittelalter, Drittes Reich, Gegenwart ... Rassismus, Beleidigung, Achtlosigkeit ...
es beginnt mit Worten, Blicken und einer Haltung: schweig!

Shadowdance


@ Jan, verstehst Du diesen Kommentar oder soll ich ihn übersetzen?


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